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Minze - ein letzter Sommergruss

Ein strahlend blauer Sonntagmorgen! Ich sitze draussen in der wärmenden Spätsommersonne mit einer frisch aufgebrühten Tasse Minzentee und ziehe tief den frischen und zugleich weichen Duft des Tees durch meine Nase ein. Es steigen Bilder aus Marokko in mir auf. In jener Welt aus 1001 Nacht ist der Duft der Minze allgegenwärtig in den mehrmals täglich zelebrierten Teestunden. Auf dem Markt, am Strassenrand, in jedem Dorf rund um Marrakesch wird büschelweise Marokkanische Minze verkauft, ein Kräutlein, das mir als Reiseleiterin so oft gute Dienste erweist.

 

Kaum angekommen aus dem Alltag in der Schweiz tauchen wir auf der Jemâa el Fnâ, dem „Platz der Geköpften“ mitten im Souk von Marrakesch, ein in eine Welt, die uns mit all ihrem Kunsthandwerk ins tiefe Mittelalter zu führen scheint. Müde von der Reise, überwältigt von all den Sinneseindrücken schwirrt uns der Kopf. Was kann da besser helfen als ein Glas frischen Minzentees, der den Kopf wieder klar und frisch macht, den Bauch angenehm wärmt und für ein gutes Ankommen in dieser einzigartigen Welt der Düfte sorgt.

Ein Einheimischer führt uns in die Gerberei, nicht ohne vorher jedem von uns ein Büschel Minze in die Hand zu drücken. Wir nähern uns den „Tanneries“ und das Duftboquet aus beissendem Geruch von den mit Taubenmist zubereiteten Laugen umgibt uns zunehmend. Gott sei Dank haben wir unser Minzesträusschen, an dem wir ununterbrochen schnuppern, bevor uns übel wird!!!

Am nächsten Tag führt uns die kurvenreiche Strasse über den Atlas Richtung Süden. Es vergeht kaum eine Stunde, in der sich nicht bei einigen ein unwohliges Gefühl in der Magengegend und im Bauch breit macht. Die Fahrt, der Klimawechsel und das noch ungewohnt gewürzte Essen melden sich mit Verkrampfungen, Blähungen und Völlegefühl im Bauch. Da kommt ein Glas frischen Minzentees auf einer Terrasse wie gerufen. Der Tee bringt Entspannung im Bauch, nimmt die Übelkeit und sorgt für eine ruhige Weiterfahrt.

Je südlicher wir kommen, desto mehr verlässt uns das helfende Minzkräutlein als täglich frischer Begleiter, denn in Südmarokko wird das regionale Getränk - genannt „Whiskey Berber“ – aus getrockneter Minze kombiniert mit Grüntee zubereitet.


Die griechische Mythologie berichtet, dass das Heilkraut entstand, als Pluto, der Herrscher der Unterwelt, seine hübsche Geliebte, die Nymphe Minthe, in ein aromatisches Kraut verwandelte, um sie vor der Rache seiner eifersüchtigen Frau Persephone zu schützen. Letztere entdeckte jedoch den Betrug und zerriss das Kraut in 1'000 Stücke: So seien die unzähligen Minzearten entstanden. Botaniker zählen mehr als 2'000 Arten in dieser duftenden Pflanzenfamilie.

Ich werde mich lediglich auf zwei Arten konzentrieren, die Echte Pfefferminze und die Marokkanischen Minze, um gewisse Inhaltsstoffe, wie zum Beispiel das Menthol, genauer unter die Lupe zu nehmen.

Die Minze mit längster Tradition in unseren Breitengraden ist die Echte Pfefferminze (Mentha x piperita). Sie entstand im 17. Jahrhundert durch eine zufällige Kreuzung von drei Minzarten und hat als Englische Teeminze in unsere Gärten Einzug gehalten.

Diese Gartenminze vermehrt sich durch unterirdisch kriechende Ausläufer. Deshalb ist es ratsam sie in einem Topf im Garten zu halten.

Wenn die Pfefferminze einen feuchten und sonnigen bis halbschattigen Standort bekommt, steht einem üppigen Wachstum nichts mehr im Wege.

Der vierkantige Stängel – ein typisches Merkmal der Lippenblütler – ist dunkelviolett gefärbt und in der unteren Hälfte eher kahl. Die tiefgrünen Blätter haben eine lanzettenförmige, spitze Form, der Blattrand ist scharf gesägt und an den Triebspitzen blühen lilarosa Blütenähren.

 

Die Blätter verströmen den typisch frischen Mentholgeruch, wenn man sie zwischen den Fingern zerreibt. Junge Triebspitzen können laufend geerntet werden, am besten um die Mittagszeit, denn dann ist der Gehalt an ätherischen Ölen am höchsten.

Die Pflanze entfaltet ihre Heilwirkung in erster Linie über die ätherischen Öle, aber auch durch Bitter- und Gerbstoffe.

Die Teeminze bewährt sich als wirksames Verdauungskraut, regt den Gallenfluss an, wirkt wohltuend und heilsam bei Blähungen, Völlegefühl, Bauchkrämpfen, Übelkeit und Erbrechen. Das im Kraut enthaltene Menthol blockiert die Schmerzrezeptoren im Magen und wirkt entspannend auf die glatte Muskulatur im ganzen Magen-Darm-Trakt. Es ist zudem ein guter keimhemmender Begleiter auf Reisen!

Bei starken Kopfschmerzen oder Migräne verschaffen folgende Anwendungen Linderung: entweder ein starker Pfefferminztee (dabei auch den Duft tief einatmen!) oder 1 Tropfen ätherischen Öls auf die Schläfen träufeln oder riechen an einem selbst hergestellten Riechfläschchen (etwas Salz mit ätherischem Öl mischen). 10%-iges ätherisches Pfefferminzöl hat erwiesenermassen dieselbe Wirkung wie Paracetamol. Das ätherische Öl löst durch das Menthol einen Kältereiz aus, der schmerzstillend wirkt. Aus diesem Grund darf Pfefferminzöl nie als Badezusatz verwendet werden. Schon 1-2 Tropfen ätherischen Öls könnten eine zu grosse Kältewirkung für den Körper bedeuten.

 

Dass die Pfefferminze wundheilungsfördernde Wirkung hat, ist vielen nicht bekannt. Sowohl ein frisch zerriebenes Blatt oder das ätherische Öl beeinflussen die Wundheilung positiv und lindern leichte Verbrennungen durch Kühlung. Zudem ist eine antibakterielle und eine antivirale Wirkung erwiesen (bakteriell v.a. gegen Staphylococcus aureus).

Da dieses ätherische Öl in den Atmungsorganen schleimverflüssigend wirkt, kann ein Pfefferminztee helfen, eine aufkommende Erkältung „abzufangen“.

 

Und...das ätherische Öl ist ein sicheres Mittel gegen Ameisen, meine Töchter haben dies in einem Urlaub auf Bali getestet, indem sie mit einem ganzen Fläschchen die Ameisenstrasse erfolgreich bekämpft haben. Doch leider war ich mir über die anregende Wirkung von Menthol vor dieser Aktion nicht im Klaren: Es folgte eine unruhige Nacht, aber nicht wegen der Ameisen...

An dieser Stelle sei erwähnt, dass beim Umgang mit menthol-haltigen Pflanzen, und ätherischen Ölen im speziellen, äusserste Vorsicht geboten ist. Hochkonzentriertes Menthol in Form von ätherischen Ölen darf beispielsweise während der Schwangerschaft nie eingenommen werden wegen seiner abortiven Wirkung. Bei Babys und Kleinkindern kann Pfefferminze einen lebensbedrohlichen (!!!) Stimmritzenkrampf auslösen. Zudem hat meine Erfahrung gezeigt, dass Menthol zusätzlich anregend wirkt bei Kindern mit ADHS, da Menthol in Zusammenhang mit anderen Inhaltsstoffen die Gehirnfunktion beeinflusst beziehungsweise anregt.

Deshalb ist bei der Anwendung von ätherischen Ölen für Kinder allgemein ratsam auf andere Minzearten, wie zum Beispiel die Bergamottminze, auch Kinderminze genannt, auszuweichen und sich vorgängig Rat bei einer Fachperson zu holen.

Warum schlafen wir trotz Genuss von mehreren Gläsern Tee in Marokko einen tiefen traumlosen Schlaf? – Weil die Marokkanische Minze (Mentha viridis var. nana) kein anregendes Menthol enthält. Der Duft der Nanaminze ist sanft, minzig und weich und verleitet zur Überdosierung.

Grundsätzlich kann die Marokkanische Minze aber gleich eingesetzt werden wie die Pfefferminze. Die vermehrt vorkommenden Monoterpenketone im ätherischen Öl wirken spürbar auf die Neurotransmitter im Gehirnstoffwechsel. Das Acetylcholin beeinflusst positiv die Gehirnfunktion und macht uns geistig wach und klar. Das Serotonin bringt Ruhe und Entspannung im „Bauchhirn“.

Und was entspannt uns mehr als ein frisch zubereitetes Gericht mit frischen Kräutern und Gewürzen, das uns über den Gaumen in die orientalische Welt der Märchen aus 1001 Nacht entführt?

Zaalouk - orientalischer Auberginensalat

Zutaten:

  • 2 grosse Auberginen
  • 1 Zehe Knoblauch
  • 1 Zitrone, Saft
  • 4 EL Olivenöl
  • Meersalz
  • viel Marokkanische Minze
  • 1 EL Tahini (Sesampaste)
  • 1-2 EL Oliven (grüne oder die kleinen schwarzen, je nach Geschmack)

 

Zubereitung:

  • Auberginen ganz mehrmals mit der Gabel gut einstechen. Zusammen mit der noch „eingepackten“ Knoblauchzehe im Backofen zuoberst auf Grillstufe bei 200° backen bis die Schale der Aubergine schwarz ist und die Frucht sich weich anfühlt (gegart). Knoblauch eventuell schon früher herausnehmen.
  • Auberginen etwas auskühlen lassen und schälen. Das Fruchtfleisch klein schneiden und in einer Schüssel mit Zitronensaft beträufeln, mit Olivenöl, Salz, Pfeffer und Tahini abschmecken. Die fein geschnittene Minze und die entkernten Oliven untermengen.

Die Minze gibt diesem Salat eine erfrischende Note und erinnert an laue Sommerabende auf der Jemâa el Fnâ, umgeben von den Geräuschen und Düften des orientalischen Souks.

Gerade die marokkanische Minze verwende ich zum Verfeinern von Gemüse- und Fischgerichten sowie Lammfleisch; ein Gewürzkraut, das aus der orientalischen Küche nicht wegzudenken ist.

Es gibt auch einem sommerlichen Getränk eine erfrischende und dekorative Note, einfach einen Zweig Minze in den Krug oder in das Getränkeglas geben...

Für den Winter ist es jetzt Zeit vorzusorgen und den üppig gewachsenen Minzestrauch zurückzuschneiden, die Blätter von den Stängeln zu lösen und zu trocknen. So habe ich wenigstens für den Start in die kühlere Jahreszeit noch eine Erinnerung an den Sommer in meiner Teetasse.

Ich wünsche Euch einen wunderschönen Altweibersommer und vergesst nicht, jetzt noch an den sonnengewärmten Kräutern am Wegesrand oder in Euren Töpfen zu schnuppern. Die ätherischen Öle werden sich mit dem kühleren Wetter in den Winterschlaf zurückziehen.

 

Mit erfrischenden Grüssen

 

Eure Odorata

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Kommentare: 1
  • #1

    Andrea (Montag, 24 September 2018 08:06)

    Danke für diesen schön geschriebenen und interessanten Text über die Minze. Es macht immer wieder Freude, durch dich auf so verständliche Weise ein wenig in diese faszinierende Kräuter Heilwelt einzutauchen! Herzlich!!! Andrea