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Arve - "Königin der Alpen"

Draussen liegt Schnee, aus der Duftlampe umhüllt mich der vertraute Duft der Arve und unverzüglich tauchen Bilder aus meiner Kindheit vom Arven-„Stübli“ im Haus meiner Grosseltern auf. Dieser gemütliche Raum schien neben der Werkstatt der liebste Aufenthaltsort von Ehni, meinem Grossvater, zu sein. Hier gab er seinen Schülern Nachhilfeunterricht, hielt seinen Mittagsschlaf ab oder wir drängten uns alle auf die enge Eckbank am Schiefertisch um zu zeichnen.

Heute denke ich, es war für ihn ein Stück Heimat, das er aus dem Unterengadin ins Prättigau mitgebracht hatte. Auch in seinem Elternhaus in Zernez, wo wir viele Wochen während den Ferien verbrachten, hatte es eine Arvenstube. Diese Räume verströmen einen ganz eigenen Duft, strahlen eine gemütliche und „reine“ Atmosphäre aus und haben für mich eine unbeschreibliche Vertrautheit.

Je nach Witterung und Luftfeuchtigkeit duften meine Möbel, Erinnerungsstücke aus meiner Kindheit, die ich heute in meinem Zuhause habe, immer noch intensiv nach Arve. Bilder aus Kindertagen steigen unverzüglich auf und es überkommt mich eine ganz besondere Ruhe und innere Stärke, die schwer zu beschreiben sind. Die Engadiner in ihrem Hochtal mit seinen extremen Wetterbedingungen wussten schon seit jeher um die Qualitäten, ja Fähigkeiten dieses Baumes. Heute finden wir unzählige Studien, warum ein Arvenkissen uns einen tiefen und erholsamen Schlaf schenkt oder eine Arvenstube eine so magische Anziehung auf uns ausübt.


In der Schweiz nennen wir die Zirbelkiefer Arve. Die Pinus cembra stammt aus der Familie der Piniengewächse. Dieser widerstandsfähige Baum, der bis zu 25 Meter hoch und 1'000 Jahre alt werden kann, wächst auf 1'300 - 2'850 m.ü.M. Er ist während der letzten Eiszeit aus Sibirien in die Alpen und Karpaten eingewandert. Oft wächst die dschember (rätromanisch) in Reinbeständen oder in Kombination mit der Lärche, ein typischer Mischwald im Unterengadin. Hier liegt auch der höchstgelegene Arvenwald Europas auf 1'994 - 2'251 m.ü.M., genannt „der Wald dahinten“, im hintersten Val S-charl, der God da Tamangur.

Die Arve trotzt winterlichen Temperaturen von bis zu -43°, acht Monaten Schnee im Jahr und auch ein Spätfrost eines Bergfrühlings kann ihr auch nichts anhaben. Zudem stellt sie absolut geringe Ansprüche an den Nährstoffgehalt des Bodens. Ihre Wurzeln dringen in Gesteinsspalten von Gneis, Granit, Schiefer und Kalkstein ein und verankern den Baum, sodass freistehende Altbäume mit bizarren Formen entstehen. Meist mehrstämmig halten sie jeder Witterung stand und die Zirbel macht ihrem Sinnbild alle Ehre: Sie steht für ungebrochenen Lebenswillen, Ausdauer und Stärke und trägt die Affirmation:

„Ich lasse die Furcht los und lebe die Kraft!"

Der gefiederte Tannenheer Vogel ist verantwortlich für die Versamung der Zirbe. Oft sieht man fünf bis sechs Jungpflanzen, die gebündelt aus dem Boden wachsen, von denen jedoch nicht alle überleben. Der langsam wachsende Baum muss ungefähr 60 Jahre alt werden, bis er Früchte trägt. Die Zapfen sind geschützt und werden im Val Müstair handverslesen zu Arvenlikör verarbeitet.

Ein Erkennungsmerkmal der Arve sind die bis zu 8 cm langen Nadeln, die immer in Büscheln zu je fünf Stück zusammen-gehalten werden. Nadeln und junge Triebspitzen dienen zur Gewinnung des ätherischen Öles durch Destillation. Der ätherische Öl-Gehalt der Bäume ist im Frühling und Herbst am höchsten und er ist dafür verantwortlich, dass die Arve eben zu dieser Zeit von einem bläulichen Schimmer umgeben ist. Das verleiht dem Baum seine Mystik.

Den balsamisch weichen und zugleich frischen Duft finden wir auch im Holz. Die Verarbeitung dieses sehr langlebigen Holzes gehört zum ältesten Handwerk in Europa. Die vielen eingewachsenen, dunkelrotbraun gefärbten Äste geben dem Holz seine charakteristisch dekorative Struktur. Möbel und Wandtäfelungen verströmen über Jahrzehnte ihren Duft und so profitiert der Mensch von der Wirkungsweise des ätherischen Öles. 

Peter Lang, ein sozial wissenschaftlicher Schriftsteller, schreibt in einem Gedicht:

 

„Solange der Arvenwald von Tamangur lebt, leben die Rätromanen.“

 

Wenn man Studien über die Wirkungsweise Glauben schenken kann, ist das leicht nachvollziehbar!

 

Auf psychischer Ebene wirkt das ätherische Öl belebend und kräftigend, stärkt das Selbstvertrauen, löst Ängste und Unsicherheit und ist ein erhellender Begleiter bei depressiven Verstimmungen, die womöglich jeder von uns in langen dunklen Wintermonaten kennen dürfte. 

Kaum ein anderer Duft als jener der Arve neutralisiert selbst „dicke Luft“ wie Gerüche von Rauch und Essen. So erstaunt es nicht, dass Bündner Gaststuben bis in die heutigen Tage mit Arven-Wandtäfelung ausgekleidet sind. Wie der Baum, so schafft auch sein Duft eine Atmosphäre der Präsenz, in der man sich geschützt und gestärkt fühlt und es entsteht ein angenehmes Klima für entspanntes Zusammensein.

Auf körperlicher Ebene wurde in erster Linie die Wirkung auf unseren Schlaf erforscht. Der erste und tiefste Schlafzyklus dauert dank der Arve länger und ermöglicht dadurch vegetativ eine stärkere Erholung. Zudem hat man festgestellt, dass in einem Arvenzimmer unser Herz ruhiger schlägt und dadurch ein Einsparen von 3'500 Schlägen, beziehungsweise eine Stunde Herzarbeit pro Tag, möglich ist! Und wer für ein weiteres Experiment offen ist, probiere es einmal mit einem Arvenkissen, um Schnarchtendenzen zu vermindern.

Der frosthärteste Baum der Alpen kennt keine Wetterfühligkeit, daher kann er uns diesbezüglich gute Dienste erweisen. Gemäss einer Studie sind ein Drittel der mitteleuropäischen Menschen von Wetterfühligkeit betroffen, Tendenz steigend! Symptome wie Kopfschmerzen, Reizbarkeit, Müdigkeit, Blutdruckschwankungen und diffuse Muskelverspannungen können Anzeichen sein. Unsere moderne Lebensweise, bei der wir viel Zeit in geschlossenen Räumen verbringen, verhindert zunehmend eine körperliche und seelische Wahrnehmung der Natur als auch eine Verminderte Anpassungsfähigkeit an die Jahreszeiten. Unsere natürlichen Regulationsmechanismen verkümmern, wenn wir uns nicht regelmässig und bewusst Wind und Wetter aussetzen. Der Arvenduft in der Duftlampe oder als Einreibung im Nacken und der Stirn bringt uns die Natur wieder näher und lindert die Beschwerden.

Und wer kennt noch den alt bewährten Franzbranntwein? Diese Einreibung enthält sowohl ätherisches Öl der Arve als auch der Latschenkiefer. Sie wirkt durchblutungs-fördernd und schmerzlindernd bei Muskel- und Gelenkschmerzen. Ich bin immer wieder fasziniert, was uns die Natur vor die Füsse legt und welche Erfahrung und Wissen unsere Ahnen hatten. So führt mich meine Neugierde oftmals in die Vergangenheit, um dieses Wissen zu erlangen und zu Nutze zu machen oder Altbekanntes einfach zu geniessen!

Barba Carl, hat für uns Kinder die besten Grassins gebacken. In Zernez standen wir unter seinem Küchenfenster und haben um ein wenig von diesen buttrigen Köstlichkeiten gebettelt. Der Name dieses typischen Weihnachts- und Neujahrsgebäcks aus dem Engadin ist nicht nur geschmacklich gerechtfertigt. Die langen und strengen Winter im Bündnerischen Hochtal erforderten eine reichhaltige Ernährung.

Die Bündner Zuckerbäcker, die aus existenziellen Gründen ab dem 15. Jahrhundert bis nach Sankt Petersburg ausgewandert und mit neuem Wissen heimgekehrten, waren bekannt für ihre Backkünste. Noch heute zeigt sich ihre süsse Handwerkskunst in den unzähligen Spezialitäten, wie dem Birnenbrot oder der Engadiner Nusstorte, um nur die bekanntesten zu nennen.

 

Doch Grassins werden mich jedenfalls - genau wie der Arvenduft - immer an schöne Kindertage im Engadin erinnern!

Grassins

Zutaten und Zubereitung:

 

1 kg          helles Dinkelmehl

500 g       Butter, zimmerwarm
500 g       weisser Zucker
3              Eier (es gibt auch Rezepte ohne Eier)
30 g         Backpulver
1 Prise      Salz

 

Den Teig unbedingt von Hand zusammenfügen und gut durchkneten. Auch wenn die Versuchung gross ist, verzichte darauf, die Küchenmaschine zu nehmen, das Resultat wird nicht dasselbe sein!

Nun den Teig 1 Stunde kühl stellen.

 

Den Teig auf Mehl ungefähr 5 mm dick auswallen, sogar eher etwas dicker. Traditionell werden mit einem Glas runde Taler ausgestochen. Die Grassins von Barba Carl waren immer quadratisch und richtig gross...zumal in unseren Kinderhänden und in meiner Erinnerung…

 

Eventuell die Grassins vor dem Backen nochmals kurz kühlstellen, damit sie nicht in der Hitze zerfliessen.

Im vorgeheizten Ofen bei 170° - 180° ungefähr 15 Minuten backen.

Grassins werden mit einem warmen Getränk genossen. Für mich am liebsten mit einem hausgemachten Glühwein.

 

Bun appetit!

Mit diesem Neujahrsgebäck wünsche ich Euch allen „einen guten Rutsch“ und für das neue Jahr nur das Beste. Ich freue mich, wenn Ihr auch im 2019 mit Freude meinen Blog lest. Und falls Ihr Wünsche und Anregungen habt, lasst es mich bitte wissen!

 

Eure Odorata

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Kommentare: 2
  • #1

    Andrea (Mittwoch, 26 Dezember 2018 17:26)

    Liebe Cristina ❤️
    Einmal mehr habe ich so viel Neues und Interessantes über ein Stück Natur gelernt! Und wie immer bringst du das mit deiner sorgfältigen und liebevollen Beschreibung so zu mir rüber, dass ich das Gefühl bekomme, gerade jetzt möchte ich diesen Duft einatmen...! Ich möchte deshalb gerade einen solchen Duftspray bei dir bestellen! Hast du noch welche?
    Ich wünsche dir auch von Herzen ein schönes und gesegnetes Neues Jahr und freue mich auf alles, was du uns auf diese schöne Art noch erzählen wirst! Herzlich! Andrea

  • #2

    Ernesto (Montag, 07 Januar 2019 11:21)

    Liebe Cristina❤️
    Ich habe deinen Artikel „Arve – Königin der Alpen“ buchstäblich in mich aufgesogen.
    Es ist fantastisch, wie unbeschwert du Persönliches mit umfassendem Wissen das du hast über Schätze, die uns die Natur schenkt zu einem spannenden, lehrreichen und interessantem Erlebnis zusammenfassen kannst.
    Das persönliche hat in mir alte wunderschöne Erinnerungen geweckt.

    Das die Arve „widrigen Umständen“ trotzt , sie überwindet , ein hohes Alter erreicht und als Sinnbild für „ungebrochenen Lebenswillen“ steht, ist schon toll.
    Aber, dass sie uns Menschen mit ihrem ätherischen Öl noch ein Geschenk macht, das uns Wohlbefinden beschert und uns hilft, davon sollten wir Menschen lernen.
    Du Cristina mit deiner Praxis „Odorata“ schafftst als Brücke erst die Möglichkeit, dass wir Menschen vom Geschenk, das uns die Arve mit ihrem Öl macht, profitieren dürfen.

    Am 10. September des letzten Jahres war ich für 3 Tage in Zernez im Hotel Spöl, das du sicher kennst, um im Nationalpark zu Wandern.
    Hätte ich deinen Artikel über die „Arve – Königin der Alpen „schon damals lesen können,
    das Erlebnis des Aufstiegs zur Bellavista ca. 2040 m.ü.m von Zernez aus, dann über den Höhenweg mit Blick auf den herrlichen Arven Wald, den Abstieg zum „ova da Cluozza (Fluss) und dem Aufstieg zur Chamanna Cluozza ( Berghütte), hätte mit Sicherheit, mit deinem tollen Artikel im Hinterkopf , einen ganz anderen emotionalen Wert erreicht.

    Wenn ich das nächste Mal im Nationalpark durch den Arven Wald wandere, werde ich mich an eine Arve lehnen, an deinen Artikel denken und den herrlichen Duft der Arve geniessen.

    Bis jetzt habe ich Zuhause hauptsächlich Lavendelöl verwendet.
    Ich hoffe, das Du noch Arven Duftspray hast, den ich möchte einen solchen bei dir bestellen.

    Dir Cristina wünsche ich für 2019 mit deiner „odorata Praxis“ viel Erfolg und persönliche Zufriedenheit.

    „Mach weiter so!“.

    Herzlich!
    Ernesto