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Nachtkerze – ein Fitmacher für Haut und Seele

Ihr kommt mir vor wie eine Gruppe von ruhenden Frauen, die einen stämmiger, die anderen filigraner, die einen breiten ihre Arme aus, die andern sind noch kinderlos. Doch ihr alle strahlt für mich eine Ruhe und Weichheit aus.

Eure Stängel sind behaart, etwas borstig, genau richtig um eigenständig durchs Leben zu gehen. Die Blattunterseite ist weich wie meine eigene Haut. Die Haupt- und Seitenrippen sind gut spürbar und die prägnant hervortretende weissliche Mittelrippe geht in den Blattstiel über...oder umgekehrt.

Obwohl die Blüten mittags noch fest verschlossen sind, herrscht ein ruhiges Treiben von Libellen, Faltern und Mücken, die sich im Schatten auf der Blattunterseite ausruhen. Die Blüten warten auf die Abenddämmerung, um sich zu entfalten. Sie sind von einer feuchten, zarten Weichheit, die tiefe Achtsamkeit in mir hervorruft.

Leicht neigt ihr euch mit euren ganzen Stängeln der Sonne entgegen und ruht in euch mit eurer abwechselnden Blütenfolge und folgt so dem Laufe des Lebens. Alles geschieht zu seiner Zeit.

Die heranwachsenden Früchte mit ihren schwarzen Samen sind an der Oberseite noch geöffnet, wie Kussmünder, dort wo die welke Blüte im Laufe des Tages abgefallen ist. Trotz eurer sichtbaren Vergänglichkeit strahlt ihr eine enorme Kraft aus, genauso wie die gelb zart leuchtende Farbe eurer Blüte, die mir Kraft und Ruhe gibt.


Diese Worte wurden mir zugetragen, als ich während meiner Ausbildung zur Phytotherapeutin die Aufgabe erhielt, mich neben eine mir unbekannte Pflanze zu setzen und einfach zu lauschen, was diese mir zu sagen hat. Ich war selber erstaunt, als ich nach diesem Erlebnis über die Heilwirkung der Nachtkerze nachgelesen habe, welch kraftvolle Begleiterin sie für unsere Haut, unser Seelenkostüm und das Immunsystem sein kann.

Die Nachtkerze kam im 17. Jahrhundert als blinder Passagier mit den Frachtschiffen nach Europa. Die importierte Wolle wurde mit Erde beschwert. Mit dieser wurden während des Eisenbahnbaues Bahndämme aufgeschüttet und so verbreitete sich diese unscheinbare Pflanze mit der fast fluoreszierenden Leuchtkraft der Blüte entlang des Schienenlaufes und schlussendlich in unseren Gärten.

Um 1649 schrieb der englische Arzt und Botaniker erstmals über die vielfältigen Anwendungsmöglichkeiten des „Allheilmittels des Königs“ bei Frauenleiden und zur Wundheilung der Haut.

Moderne Forschungen bestätigten dann die Heilkräfte des Samenöles in Bezug auf Hauterkrankungen und seiner Wirksamkeit bezüglich der Nervenzellen.

Die Oenothera biennis gehört zu den Nachtkerzengewächsen, wie auch das Weideröschen und die Fuchsie. Sie liebt trockene, steinige Wegböschungen, Steinbrüche und Bahndämme.

 

Als zweijährige Pflanze bildet sie im ersten Jahr lediglich eine unscheinbare Blattrosette mit dicht aneinander gereihten, lanzettförmigen Blättern. Die fleischige Pfahlwurzel ist in diesem Stadium essbar und besonders schmackhaft, ähnlich der Schwarzwurzel.

Im zweiten Jahr wächst aus der Blattrosette ein kräftiger bis zu 1.50 Meter hoher Blütenstängel mit vielen ungefähr fünf Zentimeter grossen Blütenknospen, die in Folge über den ganzen Sommer sich öffnen, verblühen und Samenkapseln bilden.

Die Blüten öffnen sich kurz vor der Dämmerung in wenigen Minuten, ein ungeahntes Spektakel. Sie strömen einen vanilleartigen Duft aus. Heimische Nachtfalter laben sich an dem Nektar und bestäuben die Blüte.

Die vierkantigen Samenkapseln enthalten je bis zu 200 der schwarzbraunen und harten Samenkörner. Sammelzeit dieser „Kraftpakete“ ist September bis Oktober.

Aus den Samen wird mittels Kaltpressung das gehaltvolle fette Öl gewonnen. Dieses enthält einen hohen Prozentsatz der wirksamen Gammma Linolensäure, die mehrheitlich für die Heilwirkung verantwortlich ist. Wir brauchen Fettsäuren für unseren Zellaufbau sowie deren Wachstum und die Hormonbildung in unserem Körper. Die Gamma Linolensäure ist hauptmittverantwortlich bei der Bildung hormonähnlicher physiologisch hochwirksamer Substanzen, die im Körper zur Steuerung fast aller Organ- und Lebensfunktionen beteiligt sind. So erklärt sich auch die breite Wirksamkeit des fetten Öles:

  • Hormonregulierend auf den weiblichen Hormonhaushalt vor allem bei PMS Prämenstruellem Syndrom). Anstelle von Gereiztheit, Nervosität und Hektik, darf mehr Ruhe und Gelassenheit einkehren
  • Durch den Einfluss auf den Gehirnstoffwechsel und die Weiterleitung von Informationen zwischen den Gehirnnervenzellen wird auch ein ADHS Kind ruhiger
  • Allgemein bei stressbedingten Stimmungsschwankungen, beruflicher Überforderung und in hektischen Zeiten gilt das Nachtkerzenöl als Nahrung für blossliegende Nerven

Schon die Algon Indianer vor 500 Jahren wussten um die hautwirksame Fähigkeit von zerstampften Samen bei kranker Haut und Ekzemen.

  • Natürlich entzündungshemmend und juckreizstillend bei Ekzemen
  • Bei Neurodermitis fehlt ein entscheidendes Enzym zur Bildung von körpereigener Gamma Linolensäure, die für eine weiche und elastische Haut sorgt. Somit müssen die Fettsäuren über die Haut und innerlich zugeführt werden

Da das gelb-grünliche Öl mit seinem zart nussigen Geschmack und Duft relativ schnell ranzig werden kann, wird es zur Heilanwendung in Kapseln angeboten.

"Seidenweich"

(Rezept für ein Hautöl während der Heizungsperiode oder im Wechsel der Jahre der reifen Frau)

  • 50-100ml Jojobaöl oder Kokosfett
  • 10ml Nachtkerzenöl

Dieses Öl kann wunderbar mit ätherischen Ölen ergänzt werden. Je 2-3 Tropfen ätherisches Sandelholzöl und Rosengeranie für eine samtige Haut und ein geglättetes Seelenkostüm

(gerne berate und mische ich auch ein zur Situation passendes Öl)

Nur sehr wenige andere Pflanzen enthalten auch diese wertvollen mehrfach ungesättigten Fettsäuren, so auch der Borretsch oder die Kerne der schwarzen Johannisbeere. Zudem ist die Gamma Linolensäure reichlich in der Muttermilch vorhanden und für die Ausreifung eines gesunden Immunsystem des Säuglings von Bedeutung.

Unsere Ahnen nutzten die Kraft der Natur, weil sich gar keine Alternative bot. Sie gruben Wurzeln aus und ernteten Blätter als tägliche Nahrung. Heute ist die Wildkräuterküche wieder im Trend und wir dekorieren unsere Gerichte mit essbaren Blüten. Sind wir uns dabei immer so bewusst, welches Wunder die Natur für unser Wohlergehen, sowohl körperlich wie seelisch ist?

Ich selber nutze nicht immer alle essbaren Pflanzenteile einer Heilpflanze. So auch bei der Nachtkerze. Neben der Wurzel wären auch die Blätter der jährigen Blattrosette als Gemüse verwendbar.

 

 

 

Ich geniesse jedoch lieber die strahlend leuchtend gelbe Blüte, gepflückt in den frühen Morgenstunden, gefüllt mit Frischkäse zum Frühstück für einen kraftvollen Start in einen neuen Tag voller Sonne und Leuchtkraft im Herzen!

Ich wünsche Euch weiterhin viele laue Sommerabende und gönnt Euch einmal die Zeit vor der Dämmerung, um der Nachtkerzenblüte beim Erwachen zuzuschauen.

 

Eure Odorata

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